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Pressemitteilungen

    15.04.2013Ein neues Rohr im alten Rohr

    Ein neues Rohr im alten RohrTechnik: Dank des modernen Inliner-Verfahrens spart die Gemeinde Rüdenau bei der Kanalsanierung Kosten von über einer halbe Million Euro

    Nein, von wenig Geld kann man wirklich nicht reden, wenn es um eine Investition von 250 000 Euro geht. Wenn die Gemeinde Rüdenau bei der Kanalsanierung mit dem Inliner-Verfahren damit aber über eine halbe Million Euro gegenüber herkömmlichen Verfahren spart, klingt das doch fast schon nach einem Schnäppchen.

    500 Liter Wasser pro Sekunde
    Hunderte Meter lang ist der Kanal, der das Wasser aus dem Rüdenauer Kessel in den Vorfluter leitet - und im Laufe der Jahrzehnte ist er sanierungsbedürftig geworden. Nils Eilbacher vom Miltenberger Ingenieurbüro Eilbacher hat bei einer Kamerabefahrung gesehen, was im Rüdenauer Untergrund los ist: überall Risse in den dicken Kanalrohren, eine von Sand ausgewaschene Kanalsohle, unsachgemäß eingebaute Hausanschlüsse.
    Die komplette Auswechslung der Rohre hätte laut Eilbacher nicht nur mindestens 800 000 Euro gekostet, auch die Hauptstraße hätte vermutlich gesperrt werden müssen. Denn unter dem Straßenbelag rauscht das Wasser in riesigen Mengen gen Tal - zurzeit sind es zwischen 500 und 600 Liter pro Sekunde. Wenn es regnet, kommen schnell enorme Wassermengen zusammen, und so wird beim Blick in die Schächte schnell klar, warum hier Rohre mit einem Meter Durchmesser verlegt wurden.

    Moderne Technik
    Dass die Gemeinde Rüdenau mit den Sanierungsarbeiten vergleichsweise günstig davonkommt, liegt an der modernen Technik. Statt die Straße komplett aufreißen und die Rohre austauschen zu müssen, verlegen die Experten der europaweit tätigen Rohrsanierungsfirma Diringer & Scheidel (Mannheim/Aschaffenburg) »ein neues Rohr im alten Rohr«, wie Ingenieur Andreas Hensel sagt.
    Abschnittsweise in Längen zwischen 40 und 84 Metern bringen sechs Arbeiter auf einer Strecke von 280 Metern glasfaserverstärkten Kunststoff in die alten Rohre ein - mit Harz getränkte Glasfasern, die in Rohrform gebracht werden. Dabei wird zunächst von einem Förderband ein vor Lichteinfall geschützter Kunststoffschlauch in den Schacht eingelassen und mittels Seilwinde zum anderen Ende des Kanals gezogen. An beiden Enden des Schlauchs wird ein luftdichter Verschlussdeckel angebracht, durch den zwei Kompressoren Luft in den Schlauch blasen. Dadurch bläht sich der Schlauch auf und schmiegt sich von innen an das Kanalrohr.
    Nun muss die Folie nur noch mit UV-Licht gehärtet werden. Dazu wird an einem Ende des Kanals eine aus mehreren Gliedern bestehende Lichtschlange in den Kanal eingebracht, die von einer Seilwinde von einem Ende zum anderen gezogen wird. Insgesamt sechs UV-Lampen mit einer Leistung von je 2000 Watt wandern mit einer Geschwindigkeit von 70 Zentimeter pro Minute auf Rädern durch den Kanal und härten den Kunststoff aus.

    Sechs Tage für 280 Meter
    Da durch die enorme Leistung der Lampen Temperaturen von bis zu 170 Grad entstehen, muss darauf geachtet werden, dass das in der Folie verwendete Harz nicht tropft. Kein Problem für die Erfinder der Inlinertechnik: Der Schlauch wurde auf der Innenseite mit einer hauchdünnen Folie versehen, die das unterbindet. Sobald die Luft im Schacht abgekühlt ist, kann die Folie problemlos abgezogen werden. »Sechs Leute haben sechs Tage gebraucht, um den Kanal auf 280 Meter Länge zu sanieren«, erklärt Ingenieur Andreas Hensel am letzten Tag der Sanierungsarbeiten und freut sich, dass es in den letzten Tagen trocken geblieben ist.

    Ein Menschenleben lang haltbar
    Zufrieden entnimmt er noch eine Probe des verbauten Materials, um diese von einem Fachbüro auf Materialqualität untersuchen zu lassen. »Der Kunststoff ist auf eine Haltbarkeit von 50 bis 80 Jahren ausgelegt«, ergänzt Nils Eilbacher, »das ist fast so viel wie ein neu verlegter Kanal.« Und auch die Stabilität des verwendeten Materials ist beeindruckend, weiß Eilbacher - auch wenn das neue Kunststoffrohr nicht einmal einen Zentimeter dick ist: »Der Kunststoff ist statisch so stabil, dass er alleine tragfähig ist, auch wenn das ihn umgebende Betonrohr nicht vorhanden wäre.«
    Am Ende der Sanierung bleiben nur noch zwei Tätigkeiten: Ein Arbeiter muss in den Kanal klettern, um alle Hausanschlüsse wieder freizulegen, danach schütten die Mitarbeiter der Freudenberger Baufirma Mayer die Schächte wieder zu. Dass im Untergrund eine Viertelmillion Euro verbaut wurde, sieht danach niemand mehr.
    Winfried Zang (www.main-netz.de)